Stadtanzeiger: »Mädchentreff bietet Hilfe gegen die Armut«

St. Leonhard: Einrichtung in der Georgstraße besteht seit 25 Jahren — Besucherinnen werden immer jünger — Eltern sind einbezogen

ST. LEONHARD — Der Mädchentreff in der Georgstraße feiert sein 25-jähriges Bestehen. Die Zeiten haben sich seit den Achtzigern zweifellos geändert, dennoch ist das Ziel der Einrichtung immer noch aktuell: Mehr Chancengleichheit für Mädchen schaffen.

In den Achtzigerjahren rückte die Lebenssituation von Mädchen und Frauen verstärkt in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Benachteiligungen bei der Schul- und Berufsausbildung, das Ausgesetztsein von Gewalt und Diskriminierung: Es wurde deutlich, dass Mädchen in vielen Bereichen häufig den Kürzeren zogen. Und noch ziehen. „Es war damals eine tolle und mutige Idee reine Mädchenangebote anzubieten, und diese Idee ist bis heute noch nicht überholt“, sagt Anette Pilotek.

Sie muss es wissen. Von den 25 Jahren, in denen sich der Mädchentreff für die Belange der Mädchen und jungen Frauen im Stadtteil einsetzt, ist sie 20 Jahre dabei. Die Sozialpädagogin weiß, dass es trotz Emanzipation und Frauenbewegung noch viele Defizite in Sachen Chancengleichheit gibt. Dazu kommt, dass viele Mädchen heute mehr und mehr durch Armut ins Abseits geraten.

Zusammenarbeit klappt vor allem in einem Stadtteil wie St.Leonhard, wo die Arbeitslosenquote und der Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund sehr hoch sind. 90 Prozent der Mädchen, die zum Mädchentreff kommen, stammen aus einer solchen Familie. Gerade deshalb ist Anette Pilotek stolz, dass – entgegen aller zu vermutenden Klischees – die Zusammenarbeit mit den Eltern oft gut klappt. „Zu unserer Jubiläumsfeier kamen 20 Elternpaare, das ist toll! Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die meisten Eltern nur das Beste für ihre Kinder wollen, vor allem in Sachen Schulbildung“, berichtet sie. Nicht Desinteresse sei das Problem, die Unterstützung der Eltern stößt zum Beispiel wegen mangelnder Bildung und eigener Sprach-schwierigkeiten schnell an ihre Grenzen. Meist fehlt auch einfach das Geld für Nachhilfe und ein sinnvolles Freizeitprogramm.

Genau hier setzt das kostenlose Kurs- und Freizeitangebot des Mädchentreffs an. Im Lauf der Jahre wurde das Programm auf die sich stets verändernde Lebenssituation der Mädchen angepasst. So gibt es inzwischen an vier Tagen in der Woche einen Mittagsimbiss, weil immer mehr Schülerinnen mit leerem Magen in das alte Sandsteinhäuschen in der Georgstraße kamen.

„Der größte Wandel ist, dass die Mädchen mit der Zeit immer jünger wurden“, erzählt Anette Pilotek. Anfangs war das Haus auf Mädchen ab zehn Jahren ausgerichtet, Kurse zur Vorbereitung auf den Quali waren sehr gefragt. Heute kommen schon Erstklässlerinnen zur Hausaufgabenbetreuung, zur PC-Werkstatt oder einfach nur, um beim gemeinsamen Mittagessen ein bisschen Nestwärme zu genießen.

Was die Jahre über aktuell blieb, ist das Ziel, Mädchen früh in Sachen Berufswahl zu fördern und zu unterstützen. Dass es mehr gibt für Frauen als eine Laufbahn als Friseurin oder Arzthelferin, lernen die Mädchen in der hauseigenen Werkstatt. Hier wird geschreinert, geschweißt und mit allem gebastelt, was der Gelbe Sack hergibt. Und nicht etwa nette Laubsägearbeiten oder filigranen Schmuck. Mädchenkram? Weit gefehlt. Eine schwere Eisengartenbank oder 20 Werkstatthocker aus Holz sind das Ergebnis der weiblichen Handwerkspower. „Wir wollen den Mädchen andere Berufs- und Lebensperspektiven aufzeigen. Dass sie eigenständiger darin werden, sich für einen Lebensweg zu entscheiden“, so Pilotek über eines der Grundprinzipien der pädagogischen Arbeit.

Sie selbst würde sich jederzeit wieder für ihren Job, für den sie vor 20 Jahren extra nach Nürnberg gezogen ist, entscheiden. Auch wenn ihr Engagement vielleicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Auch wenn das Bangen um die Finanzierung und das Ringen um Spenden jedes Jahr auch ein Bangen und Ringen um den eigenen Arbeitsplatz ist. „Ich freue mich über jeden Erfolg und jede gute Schulnote“, sagt sie lächelnd. Weil das wieder eine kleine Zukunftschance mehr für ein Mädchen bedeutet.

Das komplette Programm findet man im Internet unter www.maedchentreff.de

Manuela Prill

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